Das Strömungskraftwerk

Nicht umsonst nennt man unsere Erde den „blauen Planeten“. Etwa 70% der Erdoberfläche sind mit Wasser bedeckt. Da wäre es fahrlässig, nicht zu überlegen, wie man die Meere zur Energiegewinnung nutzten kann. Mit Gezeitenkraftwerken ist bereits eine erste Möglichkeit entdeckt worden. Leider sind ihre Einsatzmmöglichkeiten beschränkt.
Nun hat man überlegt, wie man die Meeresströmungen für die Menschheit nutzbar machen könnte.

Dabei ist man auf eine einfache wie geniale Lösung gekommen. „Was zu Lande geht, geht auch unter Wasser“ müssen sich die Ingenieure gedacht haben, als sie die Meereströmungskraftwerke entwickelten. Vor der Grafschaft Devon im Bristol Channel, nur wenige Kilometer von der Küste gelegen, ist seit 2004 die erste Anlage mit dem Namen Seaflow in Betrieb. Von Land aus kaum wahrnehmbar, dient sie als Prototyp. Entwickelt wurde er von der Universität Kassel und der englischen Firma „Marine Current Turbines“. Der Firmendirektor Martin Wrigt betont die Wichtigkeit dieser Anlage. Sie mache Computersimuationen real und führt vor Augen, dass das, was zu Papier gebracht wird, auch umgesetzt werden kann.

Technisch gesehen funktioniert Seaflow nicht anders als ein auf dem Kopf stehendes Windrad. Am Monopile, einem Betonpfeiler, ist der Rotor befestigt. An seinem Standort bringt er es auf 15 Umdrehungen pro Minute. Die Rotorblätter treiben einen stromerzeugenden Generator an. Über Seekabel gelangt der Strom dann ins Stromnetz.
Praktisch an der küstennahen Gezeitenströmung ist, dass sie sich im Voraus berechnen lässt. So weiß man immer, zu welchem Zeitpunkt wieviel Strom erzeugt werden kann. Außerdem ist die Strömung, anders als der Wind an Land, immer vorhanden.
Jürgen Schmid, Leiter vom ISET (Institut für Solare Energieversorgungstechnik) an der Uni Kassel, erklärt, dass als nächstes eine Anlage mit Doppelrotor konstruiert wird. Solche Anlagen sollen dann in zukünftigen Seefarmen stehen, die mehrere hundert Megawatt erzeugen.

Gesteuert wird Seaflow vom Festland aus. Treten Störfälle auf, versucht man sie ferngesteuert zu beheben. Nur wenn gar nichts mehr geht, müssen Techniker und Ingenieure raus zur Anlage geschickt werden. Ein einziger Operator soll für einen Energiepark reichen. Die Wartungs- und Überwachungskosten sind gering. 
Strömungskraftwerke sind dort interessant, wo eine starke Strömung entlang einer langen Küste vorhanden ist. Über Europa verteilt hat man 106 Standorte ausgemacht, wo der Einsatz geeignet wäre.

Aufgrund der höheren Dichte des Wasser ist die Energieausbeute größer als bei Wind. Pro Rotor  soll  1 Megawatt Strom produziert werden. Dafür reicht ein Rotordurchmesser von 20 Metern. Eine Windkraftanlage benötigt für dieselbe Leistung einen Durchmesser von 55 Metern.
Die Umweltverträglichkeit einer Meeresströmungsanlage gilt als hoch. Sie hat keinerlei Auswirkung auf die Pflanzen- und Tierwelt. Im Gegensatz zu einem Gezeitenkraftwerk muss keine Staumauer errichtet werden.

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